Inflation gilt als Thema für Volkswirte. Tatsächlich ist sie einer der wenigen Finanzbegriffe, dessen Wirkung sich jedes Jahr auf Ihrem Konto messen lässt — ganz ohne Ihr Zutun.
Inflation ist der allgemeine Anstieg der Preise und damit der Rückgang dessen, was Ihr Geld kaufen kann. Bei 3 Prozent pro Jahr sind 100.000 nach zehn Jahren nur noch rund 74.000 wert — an Kaufkraft. Die einzige Zahl, die für Ihr Erspartes zählt, ist die Realrendite: Rendite minus Inflation.
Was Inflation konkret anrichtet
Ein Beispiel sagt mehr als eine Definition. Sie lassen 100.000 auf einem unverzinsten Konto liegen, bei 3 Prozent Inflation pro Jahr:
| Nach | Der Kontostand zeigt | Kaufkraft entspricht |
|---|---|---|
| 1 Jahr | 100.000 | 97.000 |
| 5 Jahren | 100.000 | 86.000 |
| 10 Jahren | 100.000 | 74.000 |
| 20 Jahren | 100.000 | 55.000 |
Der Kontostand bewegt sich nicht. Was zurückgeht, ist das, was er kaufen kann. Und nichts auf dem Kontoauszug weist darauf hin — genau das macht diesen Verlust so leicht zu übersehen.
Warum Preise steigen
Drei Mechanismen, oft gleichzeitig:
Die Nachfrage übersteigt das Angebot. Mehr Käufer als verfügbare Waren, also steigende Preise. Typisch nach einer Knappheit oder einer plötzlichen Erholung.
Die Produktionskosten steigen. Energie, Rohstoffe, Transport, Löhne. Das Unternehmen gibt sie zumindest teilweise weiter.
Die Geldmenge wächst schneller als die Produktion. Mehr Geld im Umlauf bei gleicher Gütermenge: Jede Einheit ist weniger wert.
Warum Ihr Gefühl über der offiziellen Zahl liegt
Das ist die häufigste Beschwerde — und sie ist berechtigt.
Der offizielle Index ist ein gewichteter Durchschnitt über Hunderte Produkte: Lebensmittel, Wohnen, Verkehr, Gesundheit, Telekommunikation, Freizeit. Sie kaufen davon nur einen Ausschnitt.
Fällt Elektronik um 5 Prozent und steigt Ihre Miete um 8 Prozent, kann der Durchschnitt moderat bleiben, während Ihre Inflation deutlich höher liegt. Beide Zahlen stimmen; sie messen nur nicht dasselbe.
Die 70er-Regel
Um zu wissen, wann sich Preise verdoppeln, genügt eine Rechnung:
Jahre bis zur Verdopplung = 70 ÷ Inflationsrate
| Inflation | Preise verdoppeln sich in |
|---|---|
| 2 % | 35 Jahren |
| 3 % | 23 Jahren |
| 5 % | 14 Jahren |
| 7 % | 10 Jahren |
| 10 % | 7 Jahren |
Bei 7 Prozent kostet das, wofür Sie heute 100 zahlen, in zehn Jahren 200. Das ist keine Alarmprognose, sondern Arithmetik.
Die Realrendite: die einzige nützliche Zahl
Das ist der Punkt, den die meisten übersehen — und er kostet Geld:
Realrendite = Nominalrendite − Inflation
| Anlage | Rendite | Inflation | Real |
|---|---|---|---|
| Girokonto | 0 % | 4 % | −4 % |
| Tagesgeld | 2 % | 4 % | −2 % |
| Festgeld | 5 % | 4 % | +1 % |
| Investment | 8 % | 4 % | +4 % |
Die ersten beiden Zeilen verlieren Geld, obwohl der Kontostand steigt oder gleich bleibt. Eine Rendite unterhalb der Inflation ist ein Verlust, der als Gewinn dargestellt wird.
Eine größere Summe unverzinst liegen zu lassen, „bis ich mich entschieden habe". Der Betrag sieht unversehrt aus, ist es aber nicht. Zwei Jahre Warten bei 4 Prozent Inflation kosten fast 8 Prozent Kaufkraft, ohne dass eine einzige Buchungszeile das anzeigt.
Was schützt und was nicht
Was einigermaßen hilft: Anlagen, deren Rendite die Inflation dauerhaft übersteigt, Sachwerte, deren Preis den Güterpreisen folgt, und ein Einkommen, das regelmäßig angepasst wird.
Was nicht hilft: liegengelassenes Bargeld und Anlagen, deren Zins über viele Jahre unter der Inflation festgeschrieben ist.
Der Sonderfall Schulden: Inflation entwertet auch das, was Sie schulden. Ein Kredit mit festem Zins wird mit Geld zurückgezahlt, das weniger wert ist als das geliehene. Das ist der einzige Punkt, an dem Inflation dem Schuldner nützt — vorausgesetzt, der Zins ist fest.
In der Praxis
- Schauen Sie auf die Realrendite, nie auf die beworbene Rendite allein.
- Lassen Sie keine großen Summen liegen, die über Ihren Notgroschen hinausgehen.
- Vergleichen Sie Ihr Budget mit dem von vor zwei Jahren, nicht nur mit dem Vormonat — von Monat zu Monat ist Inflation unsichtbar, über zwei Jahre offensichtlich.
- Verhandeln Sie Ihr Gehalt mit Blick auf die Inflation. Eine Erhöhung von 2 Prozent bei 4 Prozent Inflation ist eine Gehaltskürzung.
Dies sind allgemeine Informationen und keine Finanzberatung — siehe unseren Haftungsausschluss.
Häufige Fragen
Ist eine niedrige Inflation gut?
In Maßen ja. Die meisten Zentralbanken zielen auf rund 2 Prozent pro Jahr, weil eine leicht positive Inflation Konsum und Investitionen begünstigt. Was Ökonomen mehr beunruhigt, ist Deflation, also allgemein fallende Preise.
Warum fühlt sich die Teuerung höher an als die offizielle Zahl?
Weil der offizielle Index ein gewichteter Durchschnitt über Hunderte Produkte ist, Sie aber nur einen kleinen Warenkorb kaufen. Steigen Miete und Lebensmittel stark, liegt Ihre persönliche Inflation über dem Durchschnitt, auch wenn dieser korrekt ist.
Wie schütze ich Erspartes vor der Inflation?
Indem die Rendite über der Inflationsrate liegt. Ein Konto mit 2 Prozent Zinsen bei 4 Prozent Inflation kostet Sie real 2 Prozent pro Jahr, obwohl der Kontostand steigt.
Was ist die Realrendite?
Die Nominalrendite minus Inflation. Es ist die einzige Zahl, die zeigt, ob Ihre Kaufkraft gewachsen ist. Eine Anlage mit 6 Prozent bei 5 Prozent Inflation bringt real 1 Prozent.
Wann verdoppeln sich die Preise?
Teilen Sie 70 durch die Inflationsrate. Bei 3 Prozent verdoppeln sich die Preise in etwa 23 Jahren, bei 7 Prozent in nur zehn.
Quellen
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